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Tonnen-Ware macht satt - Unser Spezial

Okt

03

2014


Prenzlauer Berg kurz nach fünf Uhr morgens. Vesta Heyn steigt in ihr Auto und fährt los. Auf Berlins Straßen ist es noch ruhig. Für die 50-Jährige ideal. Die Unternehmerin muss für ihr Geschäft zehn bis 13 Bäckerei-Filialen anfahren und Brot und Backwaren des Vortages abholen. Stunden später sind ihre zwei Filialen „Second Bäck“ mit leckeren Brotsorten und süßen Teilchen von gestern bestückt.Vesta Heyn hat ihre ganz eigene Geschäftsphilosophie: „Brot steht nicht nur für ein Lebensmittel, sondern für alles, was man im Leben wirklich braucht. Ich habe mir schon immer gedacht, es muss doch möglich sein, Brot länger zu verkaufen.“ Dies habe sie vom ersten Moment an gereizt.

Niemand würde beim Betrachten der Ware darauf kommen, dass es sich um Lebensmittel handelt, die anderswo in Deutschland schon im Müll gelandet wären. Es herrscht ein reger Kundenverkehr in dem Laden in der Raumer-straße. Es duftet nach Brot. Hier kennt man sich. Es wird geplaudert und gekauft.
Wie leichtfertig wir Lebensmittel in die Mülltonne werfen zeigt der Film „Taste the Waste“ des Journalisten Valentin Thurn. 2011 lief die Dokumentation im Kino, dieses Jahr im Fernsehen. „In Deutschland gab es keine Diskussion über Lebensmittelmüll. Ich kann mich an eine junge Frau im Publikum erinnern, die ins Heulen kam, als sie die Mengen an Brotmüll sah, die von einem Bagger hin und her geschoben werden“, sagte der Filmemacher in einem Interview.
2014 hat die EU der Lebensmittelverschwendung gewidmet und keiner kriegt es mit

Thurns Film hat etwas losgetreten. Ein Erkennen, dass jeder Einzelne etwas tun kann. Und die Politik? Das Bundesverbraucherministerium setzt auf Bewusstseinswandel in der Bevölkerung. Präsentiert der Öffentlichkeit Studien und lanciert werbewirksame Aktionen. Anders die Europäische Union: Das Jahr 2014 ist unter anderem der Lebensmittelverschwendung gewidmet. Bloß in der Öffentlichkeit bekommt keiner davon etwas mit.
Dass auf Worte auch Taten folgen, hat Großbritannien eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die Regierung hat bereits 2007 mit der Aktion „love food - hate waste“ die Industrie, die Gastronomie und den Einzelhandel gemeinsam an einen Tisch zitiert. Ergebnis: Das Land konnte bisher seinen Lebensmittelmüll auf 13 Prozent reduzieren. Lebensmittelkonzerne wie Unilever haben in ihrem Werk zur Speiseeisherstellung in Gloucester ihre Produktionsstätte optimiert. Die mit Schokolade befüllten Tanks wurden näher an das Fließband positioniert. Bei den regelmäßigen Reinigungsarbeiten fällt jetzt weniger „Schokoladenmüll“ an. Insgesamt konnte das Unternehmen seinen essbaren Abfall um 25 Prozent senken. Nach Aussagen des Managements werden sich die technischen Investitionen für den Standort langfristig rechnen. Rohstoffe befinden sich in einer immer schneller drehenden Preisspirale nach oben.


Nahrungsmüllvermeider rütteln mit ihren Ideen an den Gesetzen der Marktwirtschaft
Zurück in Deutschland. Wirtschaftlichkeit und ethische Gesichtspunkte spielen in einem ständig wachsenden Lager von „Nahrungsmüll-vermeidern“ die ausschlag-gebende Rolle. Diese Leute sind kreativ und mutig. Sie rütteln mit ihren Ideen an den Gesetzen der Marktwirtschaft. Josef Nagler gehört dazu. Er ist Küchenchef im Weißen Bräuhaus, München. Das eine oder andere Stück Fleisch wanderte vor kurzem noch nach dem Essen in die Mülltonne. Nagler reagierte und reduzierte den Fleischanteil der „Schweinshaxen“ um ein Drittel. „Anfangs war ich skeptisch, weil bei uns doch ziemlich große Männer und Arbeiter verkehren“, erklärt er in einem TV-Beitrag der ARD. Schnell sei ihm die Idee gekommen, eine XXL-Portion für „gstandene Mannsbilder“ gegen eine geringe Zusatzgebühr anzubieten. „Seitdem haben wir zwei Spanferkel weniger Abfall die Woche.“ Den Leuten schmeckt es weiterhin und sie sind von dieser Idee mehr als angetan.
Eine Studie aus dem Jahre 2012 der Universität Stuttgart besagt, dass in Deutschland jährlich zirka elf Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll landen. Eine weitere Erkenntnis der Untersuchung: Lebensmittelmüll fällt entlang der gesamten Wertschöpfungskette an. Ein Bauer lässt von zehn Salatköpfen drei auf seinem Feld liegen. Grund dafür: Der Kopf erfüllt nicht die EU-Handelsnormen wie beispielsweise Größe oder ist optisch nicht einwandfrei.
Silke Kühl schaut dabei nicht tatenlos zu. Hunkelstide (gehunkels = plattdeutsch Fallobst, tide = Wechsel zwischen Ebbe und Flut) heißt ihr Jungunternehmen in Schwartbuck an der Ostsee. In ihrem Betrieb wird reifes Obst und Gemüse von Gärtnern und Biolandhöfen aus der Region, das sonst in der Mülltonne landen würde, zu schmack-haften Trockenfrüchten verarbeitet. Die Auswahl ist groß, und das Geschäft boomt. Zucchini-Chips, Fruchtmöpse (Röllchen aus getrocknetem Fruchtpüree) und Apfelringe können im Online-Shop oder im Hofladen gekauft werden.
„Zu meinen Kunden gehören auch junge Leute, die sich viele Gedanken über Lebensmittel-verschwendung und Ressourcenknappheit auf unserem Planeten machen“, so die studierte Landwirtschafts- und Ernährungswissenschaftlerin. Das Sortiment wächst. Geplant seien Apfelringe aus alten Sorten, zum Beispiel die Ananas-Renette oder Prinz Albrecht von Preußen. Regionalität spielt bei der Vermeidung von Nahrungsmüll eine beträchtliche Rolle. Je kürzer die Lieferwege sind, umso mehr bleibt die Qualität der Ware erhalten und kann verkauft werden.
Eine Netz-Revolution: Das Teilen von Lebensmitteln
Mit dieser Idee punktet das Internet. Ein paar Klicks und die Meldung: "Drei Kilometer von dir entfernt hat jemand 'Lasagne' zu verschenken." Hier wird Essen zur Teilung, Entgegennahme und Abgabe angeboten. Eine marktwirtschaftliche Netz-Revolution. Ein Teilbereich der „Shared Economy Bewegung“. Teilen ist in. Über 48.000 aktive Benutzer hat die Plattform foodsharing.de. Sie bietet auch eine App gegen den Lebensmittelwegwerfwahn an. Diese neue Strömung hat eine reelle Chance, gegen die Verschwendung etwas zu tun. Privathaushalte verursachen bisher mit über 60 Prozent den größten Teil des Lebensmittelmülls.
Eine Chance möchte auch Vesta Heyn dem Brot von gestern geben. Und dieses Kaufen hat für ihre Kunden einen besonderen Reiz: „Jeden Tag gibt es etwas anderes, manchmal auch Neues. Das ist Bestandteil des Konzeptes und wird sehr gut angenommen.“

Florian Simon Eiler



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