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Rede von Cem Özdemir zur Verabschiedung von Ralf Fücks

Jun

30

2017

Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Ralf,

das Wörterbuch definiert einen Vordenker als „fortschrittlichen Menschen, der bestimmte zukünftige Entwicklungstendenzen erkennt und durch eigene Pläne zu beeinflussen oder voranzubringen versucht.“ Wenn man diese Definition zugrunde legt, dann gibt es vermutlich nicht wenige Menschen, die sich selbst für einen Vordenker halten. Auch hier im Saal dürfte es einige geben. Ob das tatsächlich so ist? Darüber will ich hier kein Urteil fällen.

Denn ich wurde eingeladen, ein Urteil über Ralf Fücks zu fällen! Und dieses Urteil zu fällen, fällt mir leicht. Denn Ralf Fücks ist tatsächlich ein solch fortschrittlicher Mensch, der bestimmte zukünftige Entwicklungstendenzen erkennt und durch eigene Pläne zu beeinflussen oder voranzubringen versucht.

Ralf Fücks ist fürwahr ein Vordenker.

Er wurde es in den letzten Jahren immer mehr. Für mich ist er ein linker Vordenker eines nachhaltigen Wohlstands für alle! Sein Denken ist grünes Denken, dem ich viel abgewinnen kann.

Ralf Fücks war bei den Grünen quasi von Anfang an dabei (1982). Für ihn war – im Gegensatz zu manch anderen – klar, dass die Grünen nicht in der Opposition verharren dürfen, sondern zu einer Regierungspartei werden. Das waren Debatten, an die ich mich nur vage erinnern kann. Und ich weiß auch nicht, ob Ralf sich da gerne dran erinnert.

Der politische Werdegang von Ralf Fücks

Er war von 1985 bis 1989 in der Bremischen Bürgerschaft und wurde dann einer meiner Vorgänger als Bundesvorsitzender – damals nannte sich das noch Sprecher des Bundesvorstands. 1991 wurde er in Bremen Senator für Umweltschutz und Stadtentwicklung. Kurz davor fand eine Bundestagswahl statt, bei der alle von Deutschland sprachen, die Grünen hingegen vom Wetter.

Ralf hat zu dieser Zeit ein Buch herausgegeben mit Beiträgen von Ulrich Beck, Otto Schily, Petra Kelly und Antje Vollmer. Der Titel des Buches: „Sind die Grünen noch zu retten?“ Sie sehen: Manche Debatten sind einfach nicht tot zu kriegen.

Ralf Fücks hat als Abgeordneter und als Regierender Politik gemacht. Aber ich hoffe, er nimmt es mir nicht übel, wenn ich sage: Das ist nicht das, was ich vor allem mit ihm verbinde. Ich bin ja gebeten worden, die „politische Arbeit“ von Ralf zu würdigen.

Und diese besteht natürlich neben der Bremer Zeit und seiner Zeit als Sprecher des Bundesvorstands vor allem aus seinen Vorstößen als Buchautor, als öffentlicher Intellektueller und als Grüner mit Blick für die grundsätzlichen gesellschaftlichen und politischen Fragen. Denn vor allem in dieser Rolle war und ist Ralf ja immer wieder in der Öffentlichkeit präsent – und wird es hoffentlich auch weiter sein!

Ich sehe in ihm vor allem einen intellektuellen Brückenbauer. Brücken bauen zwischen Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Zivilgesellschaft – genau das hat er getan, seit er 1996 an der Spitze der Böll-Stiftung steht. Er hat die Stiftung in seinen 21 Jahren als Vorstand, davon die letzten 15 gemeinsam mit Barbara Unmüßig, zu einem Think Tank aufgebaut und entwickelt, der nicht nur für uns Grüne zentral ist, sondern in der globalen Zivilgesellschaft hochgeachtet und respektiert ist.

Um die Präsenz der Böll-Stiftung mit ihren Büros weltweit beneiden uns viele, auch grüne Parteien in anderen Ländern. Dieses Wissen vor Ort, die Kontakte in die Zivilgesellschaften und Regierungen, sind ein enormes Pfund für das grüne Denken und die grüne Arbeit. Und es ist einfach auch ziemlich cool, wenn es in Orten, in die wir reisen, quasi „grüne Botschaften“ gibt.

Einmischen erwünscht

Ralfs Kompass für die liberale Demokratie und für Menschenrechte war und ist sehr klar. Er hat das Motto der Stiftung ernst genommen: „Einmischen ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben.“ (Heinrich Böll). Er mischt sich auch gerade dann ein, wenn andere ihren Kompass zu verlieren drohen. Sei es nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und bei der Aufnahme der osteuropäischen Staaten in die EU, im Umgang mit der Demokratie in Russland, in unserem Verhältnis zu Israel und auch für die transatlantischen Beziehungen.

Er stand in Russland, in der Ukraine und anderen osteuropäischen Ländern immer fest an der Seite der demokratischen Oppositionellen, er hat für ihre Freiheit mitgekämpft, auch vor Ort. Er hat, was unsere Solidarität mit Israel und auch den jüdischen Gemeinden in Europa angeht, immer einen glasklaren Blick.

Er hat den Finger genau dann in die Wunde gelegt, wenn er Geschichtsvergessenheit, Anti-Israelismus und Anti-Semitismus – auch in den eigenen Reihen – entdeckte. Von der scheinbaren Unlösbarkeit des Nahostkonflikts lässt er sich Gott sei Dank nicht entmutigen.

Freiheit war für ihn immer ein zentrales Grünes Anliegen, auch als einige bei den Grünen aus Angst, der FDP zu nahe zu kommen, mit diesem Wort haderten. Ralf sagte sich da: Das überlasse ich doch denen nicht! Und er tut gut daran.

Es hat mich daher nicht überrascht, dass er kürzlich ein Buch über die Verteidigung der Freiheit und der offenen Gesellschaft veröffentlicht hat. Sein Titel lautet „Freiheit verteidigen – Wie wir den Kampf um die offene Gesellschaft gewinnen“. Dieses Buch kommt zu einer Zeit, in der es auch in Deutschland und bei unseren westlichen Nachbarn wieder gilt, für die Freiheit zu kämpfen.

Ralf weiß, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist – und auch da immer wieder von neuem erkämpft und verteidigt werden muss, wo sie auf den ersten Blick fest verwurzelt scheint.

Die Grüne Revolution

Vor allem aber war und ist Ralf Fücks ein radikaler Ökologe.

Weil das gelegentlich missverstanden wurde, möchte ich über sein beeindruckendes Buch von 2013 ein paar Worte sagen. Der Titel lautet „Intelligent Wachsen“.

Mit diesem Buch macht er sich zu einem linken Vordenker eines nachhaltigen Wohlstands für alle! Dabei wurde vor allem seine Kritik an einer bestimmten Form von Wachstumskritik öffentlich wahrgenommen. Manche haben dabei den Untertitel des Buches übersehen. Der lautet „Die Grüne Revolution“. Und nichts weniger beschreibt Ralf in diesem Buch quer durch die Bereiche unserer Wirtschaft oder anders gesprochen, quer durch den menschlichen Austausch mit der Natur.

Ralfs Kritik an der De-Growth-Bewegung hat manchen die Ohren verschlossen für die wahrhaft radikale ökologische Botschaft dieses Buches. Ein Buch, das von dramatischen Reduktionen im CO2-Ausstoß redet, von einem Green New Deal mit dramatisch höheren Investitionen in grüne Technologien, von einem Radikalumbau der Landwirtschaft und einer grünen Transformation in den nächsten zwei Jahrzehnten, die sich gewaschen hat.

Gewissenhaft und kompromisslos buchstabiert Ralf hier durch, was es bedeutet, heutige Gesellschaften am Leitkriterium ökologischer Nachhaltigkeit auszurichten. Und was für eine Mammutaufgabe das ist. Denn, und das ist das Interessante und ebenfalls Radikale: Er tut das mit einem Blick für die realen und weltweiten Dynamiken zeitgenössischer Gesellschaften.

Es genügt eben nicht, einen abstrakten Maßstab der Gerechtigkeit an die heutige Weltgesellschaft anzulegen und dann zu fordern: Die entwickelten Industriestaaten müssten jetzt ihre Wirtschaft 70% schrumpfen, die Entwicklungsländer wachsen noch ein wenig und die Schwellenländer halten an, wo sie sind. Vielleicht wünscht sich das mancher. Aber es wird niemals geschehen.

Wenn wir also bei diesem Maßstab stehenbleiben und klagen, dass die Welt sich nicht dahin bewegt, tragen wir nicht viel zur Lösung des Zivilisationsproblems bei. Die Ansprüche der Staaten des globalen Südens auf Wohlstand sind legitim und gerecht. Hunderte Millionen Menschen sind in den letzten Jahrzehnten aus der Armut gehoben worden, weitere Millionen leben noch in absoluter Armut.

Wenn wir die entwickelten Gesellschaften des Nordens betrachten, haben wir nicht den geringsten Anlass, auf einen derart dramatischen Wohlstands- und Wachstumsverzicht zu hoffen, wie ihn manche wohlmeinenden Ökologen fordern.

Prämissen für eine ökologische Politik

Die Aufgabe, vor der wir stehen, ist enorm. Ralfs Buch stellt sich der Tatsache, dass wir nicht mehr viel Zeit haben für die ökologische Modernisierung – und dass sie unter den Bedingungen heutiger Gesellschaften dennoch unbedingt gelingen muss.

Doch was heißt das genau: „unter den Bedingungen heutiger Gesellschaften“?

Eine Prämisse lautet auch für Ralf: Auch für eine ökologische Politik gilt, dass der Zweck des Klimaschutzes nicht jedes Mittel heiligt. Ebenso wichtig sind Werte wie Freiheit und Selbstbestimmung. Wer jedenfalls damit argumentiert, dass es keine Alternativen gibt, wird die Menschen von seinen Zielen nicht auf Dauer überzeugen. Das gilt für die Parteien ebenso wie für die Akteure in der Wirtschaft.

Eine zweite Prämisse lautet: Eine Marktwirtschaft mit einem fairen und funktionierenden Wettbewerb ist unverzichtbarer Teil der Lösung. Politik hat die Aufgabe, den Ordnungsrahmen vorzugeben, auf den sich Unternehmen und Verbraucher verlassen, an dem sie sich orientieren und in dem sie dann agieren können. Entscheidend ist, dass wir der sozialen Marktwirtschaft ökologische Leitplanken setzen mit dem langfristigen Ziel, dass die Preise auf dem Markt immer mehr die ökologische Wahrheit sagen.

Klar ist: Keine vernünftige Politik wird ihre gesellschaftlich anerkannten Ziele ohne Regulierung, ambitionierte Grenzwerte und auch Verbote erreichen. Sie sind Teil der Leitplanke. Aber wichtig ist, was innerhalb der Leitplanken passiert: Und da sind die entscheidenden Faktoren Kreativität, Innovation, Unternehmergeist und Mut.

Und obwohl diese Aufgabe so herausfordernd und komplex ist, steckt Ralfs Buch voller Optimismus und einem Sinn für das Mögliche. Einem Sinn für die Kreativität des menschlichen Geistes, für die Geschichte der technologischen und sozialen Neuerungen. Ralf setzt vor allem auf Technologie und grüne Innovationen. Denn nur wenn uns dort Innovationssprünge gelingen, werden wir in der Lage sein, unsere Probleme zu lösen.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir in der konkreten alltäglichen politischen Arbeit hartnäckig und ausdauernd für ein Gelingen dieser Innovationen arbeiten, dass wir die Rahmenbedingungen setzen, die Forschung fördern, dass wir internationale Klimaziele einhalten und national auch umsetzen, dass wir die Technologien in den zentralen Sektoren Energie, Mobilität, Landwirtschaft vorantreiben.

Die ökologische Modernisierung ist die zentrale Aufgabe unserer Zeit – und ich kenne kaum ein Buch, das so klug, leidenschaftlich, verständlich und kenntnisreich davon spricht wie das von Ralf Fücks. Ich danke ihm sehr dafür, sicher im Namen vieler, die unsere Ziele teilen.

Ralf, Du warst immer ein Marathon-Mann, im politischen Leben, aber auch privat. Ich weiß zufällig, dass Dir Deine Kolleginnen und Kollegen vor einigen Jahren einen Traum erfüllt haben: sie haben Dich zum New York Marathon geschickt. Respekt! Ich bin ja ein Fan eines anderen sportlichen Ausgleichs, wie Du gleich an meinem Geschenk erkennen wirst (red. Hinweis: eine Yogamatte). Ich weiß nicht, ob Du nun mehr Zeit hast. Ich wünsche es Dir.

Vor allem wünsche ich Dir und Marie alles Gute für die Zukunft. Bleibt uns erhalten genauso wie Ihr seid! „Die Zukunft ist nicht Sack und Asche“, hast Du einmal gesagt. Wenn ich Dich künftig treffe, freue ich mich weiterhin auf einen optimistischen Vordenker!

 

Artikel zum Abschied von Ralf Fücks:

 

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