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„Keine Gesellschaft ohne Natur“ – Beiträge zur Entwicklung der Sozialen Ökologie erschienen

Apr

12

2016

Gesellschaft und Natur sind untrennbar miteinander verbunden: Die Menschen sind auf die Natur...

In den Aufsätzen aus dem Sammelband „Keine Gesellschaft ohne Natur. Beiträge zur Entwicklung einer Sozialen Ökologie“ widmet sich Egon Becker den krisenhaften Beziehungen zwischen Gesellschaft und Natur und der Frage, wie eine Wissenschaft aussehen muss, die diese Prozesse empirisch beschreiben, theoretisch reflektieren und kritisch bewerten kann. Denn während es für physikalische und chemische Prozesse weitgehend anerkannte Theorien und Modelle gibt – von der Thermodynamik irreversibler Prozesse bis zur neueren Komplexitätstheorie – sind Untersuchungs- und Erklärungsmodelle für die Beziehungsmuster von Gesellschaft und Natur wissenschaftlich umstritten.

Seit den 1980er-Jahren beschäftigt sich Becker mit der Frage, mit welchen philosophischen Vorstellungen, theoretischen Begriffen und normativen Orientierungen krisenhafte Veränderungs- und Stagnationsprozesse in der organischen Natur und in der menschlichen Gesellschaft verstanden werden können. Doch er hat die Frage weiter getrieben: Welche Handlungsoptionen folgen daraus, und wie sind die komplexen Beziehungen zwischen Mensch, Gesellschaft und Natur theoretisch zu fassen und praktisch zu gestalten? Ausgehend von diesen Fragen beschreiben Beckers Texte mögliche Wege in das Programm und die Praxis der Sozialen Ökologie als einer neuen kritischen Wissenschaft von den gesellschaftlichen Naturverhältnissen, die der Autor ganz wesentlich mitentwickelt hat.

In seiner wissenschaftlichen Laufbahn hat Egon Becker, Mitbegründer des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main, die natur- und die sozialwissenschaftliche Perspektive auf die „Naturfrage“, wie sie in den 1980er-Jahren neu aufkam, konsequent vereint. „Wenn Fragestellungen im Grenzbereich von Natur und Gesellschaft angesiedelt sind, werden beide Perspektiven notwendig“, sagt Becker. Die Überwindung der disziplinären Schranken innerhalb der Universitäten ist daher eines seiner großen wissenschaftspolitischen und wissenschaftstheoretischen Themen. Als Physiker und Sozialwissenschaftler hat Egon Becker die disziplinären Grenzen gleichsam hautnah als Grenzen der Erkenntnis erfahren. Mit seinen Vorstellungen von einer neuen Wissenschaft und einer grundlegend veränderten Forschung interveniert er seit Jahrzehnten in den Wissenschaftsprozess.

Krise und Kritik der Wissenschaft: Wider die disziplinäre Ordnung der Universität

Die Naturwissenschaften beschreiben und erfassen nicht die Natur an sich, sondern die Beziehungen der beobachtenden, messenden und rechnenden Menschen zur Natur. „Dies bedeutet einen Bruch sowohl mit dem klassischen Naturverständnis als auch mit dem traditionellen wissenschaftlichen Objektivitätsideal“, folgert Becker. „Die kategoriale Trennung von Natur und Kultur löst sich dadurch im Wissenschaftsprozess auf und die disziplinäre Ordnung der Universität wird brüchig und antiquiert.“ Und darüber wird bis heute heftig gestritten.

Wer sich als Wissenschaftler und politischer Intellektueller in derartige Kontroversen einmischt, „der trägt fast zwangsläufig gesellschaftliche Auseinandersetzungen in das Terrain der Wissenschaften hinein, was dort heftige Abwehrreaktionen auslösen kann“, heißt es im Vorwort von Thomas Kluge. Aus seiner kritischen Perspektive habe Egon Becker auch das zunächst umstrittene, letztlich aber weit über die Grenzen der Nachhaltigkeitsforschung hinaus anerkannte transdisziplinäre Forschungsfeld beschritten. Mit seinen theoretischen und praktischen Ansätzen für diesen neuen problemorientierten Forschungstyp habe Becker dazu beigetragen, das eingespielte Verhältnis von Wissenschaft und Politik, Experten und Laien, Theorie und Praxis fragwürdig werden zu lassen.

Die ausgewählten Aufsätze aus der Zeit zwischen 1980 und 2012 mit jeweils einleitenden Texten des Soziologen Thomas Kluge geben nicht nur Einblicke in die intellektuelle Entwicklung des Autors als einem der „Gründungsväter“ der Sozialen Ökologie. Sie zeichnen auch den wissen-schaftlichen Diskussionsstand und das politisch-intellektuelle Klima ihrer Entstehungszeit nach. Und sie zeigen auf, welche Fragen bis heute nicht zureichend beantwortet sind. „Als solche sind sie zum einen für die immer größer werdende Community der sozial-ökologischen Forschung empfehlenswert“, meint Kluge. Aber auch an Nachhaltigkeitsforschung, Umweltsoziologie und Wissenschaftstheorie interessierte Leserinnen und Leser fänden hier weitreichende Ideen, Thesen und Argumente eines philosophisch beschlagenen Wissenschaftsforschers.

Über Egon Becker

Egon Becker, geb. 1936, Physiker und Sozialwissenschaftler, arbeitete bis 1971 in theoretischer Festkörperphysik an der TH Darmstadt, der Yale-University und der Goethe-Universität in Frankfurt. Von 1972 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 war er Professor für Wissenschafts- und Hochschulforschung an der Goethe-Universität. Gastprofessuren in Rio de Janeiro, Mexico City, Kassel und Klagenfurt. Er ist Mitgründer des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung und arbeitet dort über Methodologie der Sozialen Ökologie, gesellschaftliche Naturverhältnisse, Komplexitäts- und Systemforschung.

Egon Becker (2016): Keine Gesellschaft ohne Natur. Beiträge zur Entwicklung einer Sozialen Ökologie. Campus Verlag Frankfurt/New York. ISBN 978-3-593-39647-7
Rezensionsexemplare können Sie direkt beim Verlag anfordern, E-Mail: presse(at)campus.de.

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