Bundesverband WindEnergie e.V. (BWE) Logo

Bundesverband WindEnergie e.V. (BWE)

Interview Jochen Ahn, ABO Wind -„Windparks anders genehmigen als Chemiefabriken“ (Teil1)

Okt

27

2015

Herr Ahn, sind Sie Naturfan?

Unbedingt. Zum Erhalt von Natur und Leben beizutragen, ist ein zentrales Anliegen unseres Unternehmens. Da spreche ich nicht allein für mich. Das geht den allermeisten Kolleginnen und Kollegen ebenso.

Aber?

Trotzdem geraten wir gelegentlich in Konflikt mit lokal orientierten Naturschützern. Das liegt daran, dass wir – ebenso wie eine große Mehrheit der Wissenschaftler – den Klimawandel als größte Gefahr überhaupt für die natürlichen Lebensgrundlagen begreifen. Und die Nutzung erneuerbarer Energien ist das effektivste Mittel, um den Klimawandel zu begrenzen. Das sollte bei der Bewertung von Eingriffen in lokale Ökosysteme endlich berücksichtigt werden.

Sie beklagen vehement, dass naturschutzfachliche Auflagen in jüngster Vergangenheit Umplanungen oder gar den Stopp für Projekte bedeutet haben. Und Sie sagen, dass der Genehmigungsprozess sich in Deutschland in den vergangenen Monaten „dauerhaft verlängert und verteuert“ hat. Was erleben Sie?

Wir erleben, wie eine Allianz aus Vogelliebhabern und Bürokraten mit großem Erfolg das hypothetische Risiko für einzelne Rotmilane verringert, mit dem Rotor einer Windkraftanlage zu kollidieren. Das ist aber ein Pyrrhus-Sieg: Das einzelne Tier lebt vielleicht tatsächlich ein bisschen sicherer. Aber indem dieses verengte und formalisierte Verständnis von Naturschutz den Klimaschutz blockiert, gefährdet es den kompletten Bestand des Rotmilans - und Tausende weiterer Arten gleich mit.

Dieser Grundkonflikt ist natürlich uralt. Was schlagen Sie vor, wie man da rauskommt?

Im Genehmigungsverfahren wird nicht unterschieden, mit welcher Art Projekt wir es zu tun haben. Die Gesetze schreiben den Behörden vor, den Bau einer Chemiefabrik so zu behandeln wie den Bau eines Windparks. Bei der Abwägung der öffentlichen Belange spielen die Auswirkungen des jeweiligen Vorhabens auf das globale Klima keine Rolle. Das ist ein Anachronismus – schließlich ist der Klimawandel die aktuell größte Bedrohung für die Menschheit überhaupt. Es ist absurd, das in Genehmigungsverfahren zu ignorieren. Das müssen wir dringend ändern.

Sie plädieren für Genehmigungsverfahren, in denen es beispielsweise weniger Auflagen für Windenergieanlagen gibt? Also eine Art Abzinsung wegen des Beitrags zum Klimaschutz?

Ja, es müsste eine Berücksichtigung des Nutzens geben, der für die Natur gestiftet wird. Die Auswirkungen für den Klimaschutz müssen in die Abwägung beim Schutz einzelner Tier-Individuen einbezogen werden.

Im Genehmigungsverfahren wird nicht unterschieden, mit welcher Art Projekt wir es zu tun haben

Kann es sein, dass sich die Genehmigungsfragen bei Ihnen in letzter Zeit auch deshalb zugespitzt haben, weil Sie stärker als andere Planer auf Waldstandorte zugreifen? Viele Ihrer Projekte sind im waldreichen Mittel- und Südwesten Deutschlands.

Vielleicht sind wir dadurch etwas stärker betroffen, aber prinzipiell handelt es sich um einen bundesweiten Trend. Der einflussreiche und in Verbänden organisierte Naturschutz neigt vielfach dazu, die Gefahren der Windkraft zu dramatisieren. Die Behörden lassen sich davon beeindrucken. Von Fakten belegt ist zum Beispiel die angebliche Bedrohung des Rotmilans durch die Windkraft keineswegs. Vor 20 Jahren hat die Windkraftentwicklung in Deutschland langsam begonnen. Seit damals ist die Population der Rotmilane hierzulande von 11.000 auf 13.000 Brutpaare gewachsen. Das deutet jedenfalls nicht darauf hin, dass eine Koexistenz von Windkraft und Rotmilan unmöglich wäre.

Aber verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Natürlich kollidiert gelegentlich ein Rotmilan mit einem Windkraftrotor und stirbt. Das ist genauso traurig wie die ebenfalls tödlichen Kollisionen mit Autos oder Stromleitungen, die übrigens viel häufiger sind und kaum thematisiert werden. Entscheidend aber ist, dass der Ausbau der Windkraft ganz offenbar den Rotmilan nicht in seinem Bestand gefährdet. Das sollten die Naturschutzbehörden endlich zur Kenntnis nehmen. Das wäre gut für die Planung neuer Windparks, den Erfolg der Energiewende, den Klimaschutz und damit eben auch für die Population der Rotmilane.

Was tun?

Schwierig. Die Fronten sind verhärtet. Und die Politik ist wenig geneigt, gegen die Naturschutzbehörden zu entscheiden. Wir müssen aber darauf aufmerksam machen, dass die ausufernden Genehmigungsverfahren den Strom teurer machen. Der Aufwand der Projektentwicklung liegt jetzt schon in der Größenordnung von einem halben bis 1 Cent pro Kilowattstunde. Die Tendenz ist steigend. Das passt nicht zu den Zielen der Energiewende. Beispiel Hessen: Da werden die Ziele des Windkraftausbaus vor allem wegen des Naturschutzes bei weitem nicht erfüllt. Dabei dient der Naturschutz vielen Windkraftgegner nur als Vorwand: Sie wollen zuhause aus dem Fenster gucken und keine Windkraftanlagen sehen. Das ist ein legitimes Interesse, aber ein egoistisches.

Hat sich aus Ihrer Sicht der Protest geändert?

Das ist regional stark unterschiedlich. Der Widerstand ist sehr viel professioneller und vernetzter geworden. Das ist schon eine andere Nummer als noch vor einigen Jahren.

Sie haben Anfang 2015 angegeben, dass Sie neue Projekte mit einer Gesamtkapazität von mehr als 1.000 Megawatt dazubekommen haben. Wie schnell und wo wollen Sie dieses Potenzial umsetzen?

Insgesamt haben wir jetzt rund 3.500 Megawatt in Bearbeitung. Darunter sind gerade erst akquirierte ebenso wie bereits weit fortgeschrittene Projekte in allen unseren Märkten. Es fallen regelmäßig Projekte raus, die sich als nicht realisierbar erweisen. Dafür kommen neue dazu. Ziel ist es, eine möglichst hohe Quote auch zu realisieren. Wir planen in der jährlichen Projektumsetzung ein Wachstum von zehn bis 20 Prozent. Wir haben 2014 rund 150 Megawatt in Betrieb genommen und erwarten für dieses Jahr eine ähnliche Größenordnung. Ab 2016 rechnen wir mit höheren Zahlen.

Wie hoch sind die Realisierungsquoten?

Den höchsten Anteil realisierter Projekte haben wir noch in Deutschland. Aber das Verhältnis verschlechtert sich gerade deutlich. Die Phase bis zur Baureife hat sich von zwei auf drei Jahre verlängert. Und die Verlustquote auf dem Weg vom Projekt zum realen Windpark ist von einem Drittel auf ungefähr die Hälfte gestiegen.

Der Widerstand ist sehr viel professioneller und vernetzter geworden. Das ist schon eine andere Nummer als noch vor einigen Jahren.

Und wo planen Sie im Moment schwerpunktmäßig?

Dort, wo wir schon am längsten aktiv sind, also im Radius bis zu 300 Kilometer um Wiesbaden und Mainz herum. Unsere klassischen Märkte sind Rheinland-Pfalz und Hessen, aber auch Nordrhein-Westfalen. Wir haben seit ein paar Jahren zudem Dependancen in Berlin, Nürnberg und Hannover, die jetzt auch die ersten Erfolge bringen. In Bayern ist die Arbeit allerdings schwieriger geworden. Und Baden-Württemberg ist zwar ein großes Land, aber die Politik hat es trotz aller Bekenntnisse noch nicht geschafft, die Verwaltung so weit zu bringen, dass ernsthaft gebaut werden kann.

Abo Wind ist mit 19 Jahren ein relativ altes Unternehmen. Sie müssten etliche Anlagen haben, die so langsam in das Repowering-Alter kommen.

Wir sind vor 19 Jahren als Zwei-Mann-Firma gestartet. In den ersten Jahren haben wir noch nicht so viele Windparks ans Netz gebracht.  Die ersten Repowering-Projekte haben wir aber bereits umgesetzt.

Hat Sie das getroffen, dass der Repowering-Bonus gestrichen wurde?

Der Repowering-Bonus war ein Anreiz, frühzeitig ältere Anlagen durch neuere auszutauschen. Ohne diesen Anreiz dauert es nun ein paar Jahre länger, bevor sich der Austausch lohnt. Für uns ist das kein Nachteil.

Ab welcher Altersklasse lohnt sich das Repowering?

Das sieht für Projekte, die noch bis Ende 2016 genehmigt werden, anders aus als für solche, die sich danach per Ausschreibung um eine Vergütung bemühen müssen. Ich denke, dass sich Repowering unter den heutigen Bedingungen erst nach knapp 20 Jahren lohnt. Bei uns sind das bisher pro Jahr nur ein oder zwei Projekte. Die großen Repowering-Anteile liegen heute an der Küste, wo die Branche schon vor 30 Jahren gestartet ist.

Ist die Erwartung, dass man Projekte nach 15 Jahren repowert, generell unrealistisch?

Das kommt auf den Einzelfall an. Vor einigen Jahren hat man gedacht, uns gehen die Standorte aus. Darum wurde der Repowering-Bonus eingeführt. Mittlerweile sieht man, dass die möglichen Standorte nicht der begrenzende Faktor sind. Insofern bringt ein Repowering-Bonus auch keinen schnelleren Aufbau von Leistung.

Sie wollen mit der ABO Wind Sachverständigen GmbH ins Servicegeschäft. Im Juli hatten sie gerade einen Vollwartungsvertrag für eine Nordex S77 in Nordhessen abgeschlossen. Was hat sich seitdem getan?

Die Husum-Messe war für uns ein Erfolg, weil sich unser Konzept bewährt, unser großes Fachwissen beim Betreiben von Anlagen neuen Kunden anzubieten. Wir stoßen auf positive Resonanz.

Hat sich das konkret in Abschlüssen ausgezahlt?

Wir waren auf der Messe, um uns als technischer Dienstleister bekannter zu machen und Kontakte zu knüpfen. Das hat gut funktioniert. Die konkreten Aufträge kommen dann hoffentlich in den nächsten Monaten. Vieles läuft im Servicegeschäft ja auch über Ausschreibungen. Es zeigt sich erst mittelfristig, ob und bei wie vielen Ausschreibungen man gewinnt.

Und was ist der interne Businessplan? Wo wollen Sie in einem Jahr sein?

Wir müssen kleine Servicepunkte und selbständig denkende Mitarbeiter in der Nähe der Anlagen haben. Der Ausbau des Personals wird das Wachstum bestimmen.

Sie haben eine Eigenkapitalquote von 40 Prozent. Sie könnten also im Servicegeschäft oder auch bei den Serviceanbietern zukaufen, wie es etwa die Deutsche Windtechnik macht. Ist das eine Option?

Unser Ziel ist ein organisches Wachstum. Bisher ist uns jedenfalls keine geeignete und zum Verkauf stehende Firma begegnet. Die Gefahr beim Kauf eines Wettbewerbers an Ertragskraft zu verlieren, ist groß.

Sie haben eine Gewinnmarge auf Ihren Gesamtumsatz von 5 Prozent. Mit was rechnen Sie im Bereich Service? Bloß mit zwei oder drei Prozent?

Die Zielmarke liegt auch dort bei fünf Prozent.

Das realisieren sie doch auch sonst am Umsatz? Sagt der Geschäftsbericht.

Die Einzelprojekte liegen im Durchschnitt eher bei 10 Prozent. Wir hatten aber im vergangenen Jahr relativ hohe Abschreibungen. Dadurch landeten wir bei der Umsatzrendite im Gesamtkonzern bei 5 Prozent.

Wie gehen Sie damit um, dass Sie für einen Ausschreibungsmarkt künftig noch mehr Windparks als die 1.000 MW heute in der Planung halten müssen, um dann in einer möglichen Ausschreibung bei wenigstens einem dieser Windparks realistische Umsetzungschancen zu haben?

Wir errichten aktuell in Deutschland jährlich Windparks mit einer Leistung von 100 bis 150 Megawatt − mit steigender Tendenz. Das werden wir auch ab 2017 in Ausschreibungsverfahren erreichen. Dazu werden wir unsere Angebote so steuern, dass wir einige Projekte auf jeden Fall bauen und andere nur, wenn der Preis das richtige Niveau hat.

Klingt erstaunlich entspannt.

Projektentwicklung ist von je her ein Geschäft mit Unsicherheiten. Die Branche ist stark von gesetzlichen Regelungen abhängig, die sich alle paar Jahre ändern. Wir fangen heute Projekte an und wissen nicht, unter welchen Bedingungen wir sie in ein paar Jahren bauen werden. Daran sind wir gewöhnt, das bereitet uns keine schlaflosen Nächte. Wichtig ist für uns, dass der Windkraftausbau künftig nicht auf den windhöffigeren Norden beschränkt wird. Zum Glück will das Wirtschaftsministerium die unterschiedlichen Standortqualitäten angemessen berücksichtigen.

Trauen Sie sich zu, eine Zahl in die Luft zu werfen, welche Preise in den Ausschreibungen kommen?

Wir wissen ja noch gar nicht, wie das Referenzertragsmodell aussieht. Davon hängt ab, wie viele Jahre ich die Anfangsvergütung bekomme und wie hoch die Grundvergütung sein wird, auf die man später zurückfällt. Der Erzeugungspreis hängt ganz stark von den Investitionskosten ab, die zu 75 Prozent Maschinenkosten sind. Die Hersteller nehmen das sehr ernst. Unserer Beobachtung nach sind alle Hersteller verstärkt dabei, technologische Weiterentwicklungen zu betreiben, um die spezifischen Anlagenkosten zu senken.

Wir fangen heute Projekte an und wissen nicht, unter welchen Bedingungen wir sie in ein paar Jahren bauen werden. Daran sind wir gewöhnt, das bereitet uns keine schlaflosen Nächte.

Insbesondere mit den Schwachwindanlagen?

Da werden viele kleinere Punkte umgesetzt, die Anlagen spezifisch billiger anzubieten. Wir müssen dabei nur aufpassen, dass nicht unausgereifte Techniken in den Markt kommen, wie es am Anfang der Windenergieentwicklung passiert ist. Dann kann der Schuss nach hinten losgehen.

 >>> Interview Teil 2 <<<

Kommentar schreiben

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.

Suche
Ihr Profil
Was sind Tags? Top Tags