Der private Konsum ist in Deutschland für etwa 40 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Damit kommt der und dem Einzelnen durch Konsumentscheidungen ein beträchtliches Stück Einfluss bei der Umsetzung einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation zu. Ob und wie grüne Lebensstile zum Mainstream werden können, das diskutierten Nicole Maisch, Sprecherin für Verbraucherpolitik der Bundestagsfraktion der Grünen, Stefan Kreutzberger, Autor des Buches „Die Ökolüge“, sowie Jacob Bilabel, Geschäftsführer der Thema1 GmbH, die im Auftrag von Unternehmen den CO2-Fußabdruck von Produkten berechnet, in dem Workshop „Leben im Green New Deal“.
v.l.n.r.: Nicole Maisch, Stefan Kreutzberger, Peter Unfried, Jacob Bilabel
„Die Verhaltensänderung einer einzelnen Person kann viel bewegen.“ Mit dieser Botschaft warb der Autor Stefan Kreutzberger für bewussten Konsum. Lebensmittel im Wert von etwa 400€ würden pro Jahr in einem durchschnittlichen Haushalt weggeworfen. Wer gezielt einkauft, kann dagegen Umwelt und den eigenen Geldbeutel schonen. Kreutzberger lädt seine Freunde auch mal abends zum Resteessen ein – da bringt jeder mit, was der Kühlschrank hergibt, um damit gemeinsam zu kochen und zu essen.
Als „alternativen Hedonismus“ beschreibt Nicole Maisch den grünen Lebensstil, bei dem Verzicht nicht als Verlust empfunden wird, sondern bewusster Konsum zu einer Steigerung der Lebensqualität beiträgt. Allerdings – und da liegt der Haken – sind grüne Lebensstile nur in begrenzten Milieus beheimatet. Etwa 10 bis 15 Prozent strategische KonsumentInnen gebe es, schätzt Jacon Bilabel. Dieser Anteil bleibe seit Jahren konstant. Und selbst hier klaffen eigenes Verhalten und theoretische Unterstützung oft auseinander. Dieser Besteuerung von Flugbenzin – gerne, aber wer mag schon auf die Urlaubsreise nach Teneriffa verzichten?
Wie also kann bewusster Konsum gefördert werden? Wie können grüne Lebensstile in breiten Gesellschaftsschichten selbstverständlich werden? Welche politischen Stellschrauben gibt es?
Einig sind sich die ReferentInnen in der Einschätzung, dass Preise deutliche Signale aussenden. Solange klimaverträgliche Produkte deutlich teurer als herkömmliche sind, bleibe die Gruppe potentieller KäuferInnen begrenzt. Ein Abbau klimaschädlicher Subventionen oder Vergünstigungen wie z.B. kostenloses Parken für Car-Sharing-NutzerInnen könnten diese Preisunterschiede wirkungsvoll verringern.
Aber auch soziale Faktoren spielen beim Konsumverhalten eine entscheidende Rolle und bieten Ansatzpunkte für Veränderung. Hier kann Bildung eine wichtige Funktion einnehmen. Nicole Maisch wirbt für ein Schulfach „Verbraucherbildung“; aber schon wenn in Schulküchen regional und saisonal eingekauft und gekocht werde, könne ein Bewusstsein für Lebensmittelkonsum entstehen. Auch emotionale Aspekte könnten genutzt werden; wer sich für ein Bio-Huhn entscheidet, hat dabei den Kleinbauern und glückliche Hennen vor Augen. Sigel könnten die Kaufentscheidung erleichtern.
Warum wir trotz aller möglichen Ansatzpunkte und trotz der großen Dringlichkeit so träge in unserer Verhaltensänderung sind? Eigentlich, so argumentierte Jacob Bilabel provozierend, wüssten wir doch alle längst, dass das 2°-Ziel nicht mehr einzuhalten ist: Der Klimawandel steht uns unaufhaltsam bevor. Aber insgeheim seien wir davon überzeugt, dass wir dabei auf der Gewinnerseite stehen werden. Selbst wenn in der Folge die Ressourcenpreise steigen, werden wir hier in Europa noch lange in der Lage sein, z.B. Auto zu fahren. Verlieren werden vor allem wieder einmal die Schwachen auf der Südseite des Globus.
So war das Fazit der Diskussion, die zwar keine endgültigen Antworten, aber doch viele Anstöße zum Nachdenken gab: Wir brauchen viele gute Ideen, um den Wandel in unserem Konsumverhalten zu ermöglichen. Dafür braucht es nicht nur ein rationales Verständnis von der Notwendigkeit, sondern vor allem eine emotional positive Vorstellung davon, wie ein gutes Leben mit begrenzten Ressourcen möglich ist. Und so fragt Moderator Peter Unfried von der taz in die Runde: Wie würden wir wohl leben – unter einem Bundeskanzler Kretschmann, und nach der Energiewende?!
Autorin: Henrike Narr