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Auch trotz Flüchtlingszustrom: Kein Neubau, nirgends

Okt

26

2015

Wohnungsmangel in den Metropolen und dazu jetzt der Ansturm der Flüchtlinge: Selbst wer die Neubau-Lobby sonst kritisch sieht, glaubt ihr derzeit, dass wir mehr bauen müssten. Aber auch jetzt und auch in den beliebten Großstädten wird das Dogma des ewigen Wachstums nicht richtiger. Zum einen liegt das an den Folgen des Bauens. Denn es verbraucht Material und Fläche, ist darum nicht ökologisch und zudem nicht ökonomisch, wie steigende Baupreise und mancher Skandalbau beweisen. Neubau ist im Übrigen noch nicht einmal sozial. Denn er ist immer teuer und so blieben für Menschen mit dem kleinsten Portemonnaie die ältesten Häuser übr Titel_Fuhrhop_Bauen_fb_kl ig. Zum anderen geht es auch ohne Neubau. Das Leitbild einer Postwachstums-Gesellschaft sollte lauten, die bereits gebaute Stadt neu zu entdecken und ihre Bauten zu bewahren. Wie dabei trotzdem alle gut unterkommen, dafür nennt das Buch „Verbietet das Bauen!“ fünfzig Werkzeuge, die Neubau überflüssig machen. An dieser Stelle können nicht alle genannt werden, doch einige Beispiele zeigen, warum unsere vorhandenen Wohnungen und Häuser sogar viel besser als Neubauten geeignet sind, Platz zu schaffen.

Nutzung des Leerstandes

Das beginnt schon bei der Schnelligkeit, denn neu zu bauen dauert mindestens ein Jahr, aber Flüchtlinge brauchen sofort – vor dem Winter – eine wetterfeste Unterkunft. Also sollten wir

zum Beispiel leerstehende Büros umnutzen: Allein in den größten 19 Bürostandorten stehen etwa acht Millionen Quadratmeter leer! Einige Kommunen haben darum bereits begonnen, leere Bürohäuser zu mieten, zu kaufen oder notfalls zu beschlagnahmen. Weitere Platzreserven bieten tausende Schulen, die wegen sinkender Schülerzahlen freiwerden. Und in Kasernen werden zigtausend Quadratmeter nicht mehr gebraucht.

Kreative Formen sozialen Zusammenlebens

Auch in großen Wohnungen ist oft Platz, mehr Menschen unterzubringen. Wie wir dafür zusammenrücken können, zeigt „Wohnen für Hilfe“: Junge Studierende oder Auszubildende ziehen zu älteren Menschen, zahlen aber nicht die volle Miete, sondern leisten einige Stunden Hilfe. Sie kaufen ein oder räumen auf, zum Beispiel eine Stunde pro Monat für jeden Quadratmeter, den sie bewohnen. Eigentlich ist das ein soziales Projekt, bei dem Jung und Alt sich näherkommen, aber als Mehrwert werden dadurch Wohnungen besser genutzt. Bisher gibt es „Wohnen für Hilfe“ in etwa 30 Städten, doch es gibt in Deutschland allein 400 Hochschulen. Warum wird dieses erfolgreiche Modell nicht schon längst bundesweit umgesetzt?

Schrumpfende Städte wieder beleben

Einer der wichtigsten Gründe für Neubau ist die regionale Ungleichheit. Vor allem junge Erwachsene strömen seit rund zehn Jahren in ein Dutzend beliebte Großstädte und dort in besonders beliebte Stadtviertel. Das Gegenbild zeigen schrumpfende Städte im Osten Deutschlands, im Ruhrgebiet und in vielen ländlichen Gegenden. In den meisten Städten und Gemeinden Deutschlands sinkt die Einwohnerzahl. Diese regionale Ungleichheit führt zu Bauwut in den Boomstädten bei Leerstand überall sonst. Doch wir können dem doppelt entgegenwirken – hier den Zuzug bremsen, dort Menschen anlocken. So sind in den boomenden Städten das bisherige Stadtmarketing und die Wirtschaftsförderung aus der Zeit gefallen, denn beides zieht noch mehr Firmen und Leute in bereits überfüllte Orte. Für sie zu werben sollten wir stoppen. Stattdessen könnten wir von ihnen abschrecken oder auf bisher unbeliebte Städte aufmerksam machen.

Manche Menschen ziehen aufgrund von Vorurteilen nach Berlin oder Hamburg und nicht nach Bremerhaven oder in den Harz. Das „Probewohnen“ zeigt, wie sich Vorbehalte ausräumen lassen: In Görlitz bietet die kommunale Wohnungsgesellschaft an, eine Woche kostenlos dort zu wohnen. Bereits 2008 warb sie dadurch für ihre Gründerzeitviertel, wo mehrere tausend Wohnungen leerstehen. 2015 legt sie das Testwohnen neu auf und bietet drei möblierte Wohnungen in der Altstadt; zweihundert Menschen möchten das diesmal ausprobieren. Wenn sie eine Woche in Görlitz gelebt haben, wird mancher die Reize der Stadt entdecken und dauerhaft umziehen, so der Gedanke hinter dem Projekt. Nach diesem Vorbild könnten wir in ganz Deutschland für unterschätzte Städte werben.

Leerstehende Räume füllen, anders zusammenwohnen und verkannte Orte neu entdecken, das sind nur einige der in dem Buch „Verbietet das Bauen!“ geschilderten 50 Werkzeuge, die Neubau überflüssig machen. Auch jetzt ist Wachstum beim Bauen weder sinnvoll noch notwendig. Wir brauchen keinen Neubau, nirgends.

Informationen zum Buch „Verbietet das Bauen!“:

http://www.verbietet-das-bauen.de/buch/

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